• Einmal Diagnose zum Mitnehmen bitte.

    Ich liebe es, Menschen in den ersten 20 Minuten des Kennenlernens eine unprofessionelle, auf reinem Gefühl und Schubladendenken basierende Diagnose zu stellen. Dabei begegne ich oft viel Unwissen und einem Interesse, das nur von der Angst zurückgehalten wird, meine Vermutungen könnten das Leben der Person überraschend verändern.

    Ich mag diese Angst nicht. Sie beruht auf Glaubenssätze, die ich problematisch finde:

    Alle sind anders, nur ich bin gleich!

    Jemand, der sich mit den Begriffen „Neurodiversität“ und „Neurotypisch“ auseinandersetzt, wird bemerken, dass es keine Person gibt, die nicht neurodiverse Verhaltensmuster und Eigenschaften besitzt. Das liegt daran, dass „Neurotypisch“ den Durchschnitt menschlicher Persönlichkeiten beschreibt – und wir als Menschen zu komplex sind, sodass wir die Kriterien für den Durchschnitt ins Unerreichbare treiben.

    Auch das Paradoxon, dass wir uns neurodivers verhalten müssen, um neurotypischer zu werden, schließt einen vollständig neurotypischen Menschen aus.

    Zur Veranschaulichung:

    Nehmen wir 201 Menschen und werten ihren Kommunikationswunsch auf einer Skala von (-)100 bis (+)100.

    Die völlig aufgedrehte Person, die uns ohne Rücksicht auf Konsequenzen innerhalb der ersten Sekunde die Lebensgeschichte aller Verwandten erzählt und nebenbei noch alles über uns wissen möchte, bewerten wir mit (+)100. Das Häufchen Elend, das in der Ecke kauert, nur noch alleine sein möchte und bereits bei dem Gedanken, sich mit einem anderen Menschen zu unterhalten, in Tränen ausbricht, bildet mit dem Wert (-)100 das Gegenteil in unserem Vergleich.

    Nun stellen wir alle Menschen von (-)100 bis (+)100 in einer Reihe auf. Da dies nur ein Beispiel ist, haben wir zufällig jeden Kommunikationswunschwert in unserer Menschenmenge vertreten und können uns in Ruhe die Person mit dem Wert 0 anschauen.

    Unsere 0 hat weder Interesse an Kommunikation noch am Gegenteil – keine Kommunikation. Sie wird ein Gespräch weder initiieren wollen noch möchte sie, dass wir es initiieren. Die Person 0 hat also keine eigene Meinung oder einen natürlichen Wert in unserer Skala.

    Interessant ist, sobald wir die Werte neu betrachten, alle unsere Versuchsteilnehmer anders heißen und sich eine Person in ihrem Wert ändert, passt sich die Mitte an und somit ändert sich der Name unserer 0-Person.

    Nehmen wir jetzt zwei Werte: die Begeisterungsfähigkeit, etwas Neues auszuprobieren, und das durchschnittliche Können eines neuen Hobbys nach 2 Wochen.
    Da sich das Können nicht linear zum Training verbessert, können beide Werte von einer Person nicht gleichzeitig dem Durchschnitt entsprechen.

    Der Gedanke, dass man „gleich“ ist, beruht also auf einem Logikfehler. Natürlich wird es Bereiche geben, in denen man der Normvorstellung mehr entspricht. Aber man selbst und die Normvorstellung verändern sich stetig – und das ist gut so.

    Der Arm ist nicht gebrochen, solange kein Arzt das sagt!

    Ich würde gerne wissen, wie viel Zeit Menschen seit der Erfindung des Selbstwerts mit einem gebrochenen Arm, einer Krankheit oder nur der Ungewissheit, ob ihr körperlicher Zustand kritisch ist, herumgelaufen sind, bevor sie überhaupt mit dem Gedanken an einen Arztbesuch gespielt haben.

    Die Eigenschaft, seine Gefühle und Befürchtungen in die letzte Ecke seines Bewusstseins zu verbannen, führt zwar dazu, dass sich das Gefühl entscheidet, sich wie (-)100 oder (+)100 zu verhalten, aber viele neigen dazu, sich in der Situation durch ihre Angsttoleranz wohler zu fühlen.

    Dass man seiner Angst vor Konsequenzen nicht in die Augen schaut, ist nur eine kurzfristige Lösung. Jedes Gefühl in uns hat einen bestimmten Zweck und eine Berechtigung. Auch wenn sich der Sinn unserer Gefühle in den letzten paar Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte stetig verändert hat, werden sie nicht nutzlos oder ignorierungswürdig.

    Wie im zweiten Absatz dieses Abschnitts schon erwähnt, werden Gefühle, die man ignoriert, ihren Einflussbereich verändern. Dies beeinflusst ihr Verhalten und auch, wie sie andere Situationen wahrnehmen und somit bewerten. Egal, ob sie aktiv nicht mehr mitbekommen, dass ein Gefühl gefühlt werden sollte ((-)100), oder ob sie nur noch einen einzigen Gefühlsstatus fühlen können((+)100) – ihre Situation kann und wird sich erst ändern, nachdem sie aktiv handeln.

    Eine Diagnose macht sie nicht kränker, ein Arztbesuch wird ihr Leiden nicht verschlimmern (Ärztepfusch und Unwissen ignorieren wir mal), und Nichthandeln hat meist den geringsten Output.

    Muss man denn was haben?

    Nein! Man muss nicht. Zum Thema „müssen“, „dürfen“, „haben“, „sollen“ und Co. werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einen Artikel schreiben. Doch um die Frage, ob Sie an einer neurologischen Krankheit leiden müssen, klar zu beantworten: Solange Sie einen Weg gefunden haben, mit Ihrer Einzigartigkeit umzugehen, brauchen Sie keinen Beschreibungszettel, Namen oder Wissen über Ihre Neurodiversität.

    Ob es ein „Muss haben“ oder „Hat“ ist, wird vom Blickwinkel bestimmt. In unserer Gesellschaft wird Einzigartigkeit verteufelt. Ein Mensch, der emotionaler, rationaler, spontaner oder andersartig aus einer Gruppe an angepassten Menschen heraussticht, zeigt damit die Fehler einer Gruppe auf. Dies ist nur ein Grund, warum viele Menschen, die sich nicht Ihrer Bubblenorm entsprechend verhalten, die Blase platzen lassen oder ausgeschlossen werden.

    Der Nachteil am „Muss haben“ ist, dass es den Personen, die etwas haben, eine Absicht vorwirft. Es wirkt auf mich oft so, als ob es viele Menschen gibt, die viel Zeit ihres Lebens nicht die Möglichkeit hatten, ihr Sein so auszuleben, wie es ihrer Natur entspricht. Diese Menschen schaffen oft über ein „Muss haben“ einen Schutz, um den Wert ihrer Vergangenheit zu bewahren, und merken nicht, dass sie damit sich selbst und anderen die Möglichkeit nehmen, an ihrem Sein zu wachsen.

    Der Nachteil am „Haben“ ist die Verantwortung. Wenn ich akzeptiere, etwas zu haben, kann ich zwar auf den Arzt sauer werden und mich damit vor der Selbstarbeit schützen, doch spätestens, wenn ich mich entscheide, nicht mehr zu prokrastinieren, liegt die Verantwortung bei mir.

    Mit der Verantwortung kommen auch viele Gefühle, die oft in der Gesellschaft negativ assoziiert werden. Die wenigsten mögen das Gefühl, „Fehler“ zu haben oder „schlechter“ zu sein, als sie es könnten. Wir Menschen neigen dazu, dann den kleineren, aber dauerhafteren Schmerz zu wählen.

    Fazit:

    Jedem Menschen steht es frei, sich zu entscheiden, ob er eine Gruppe danach bewertet, ob sie aus möglichst gleichen oder vielfältigen Elementen besteht. Eine Diagnose wird Sie nicht verändern, sie kann Ihnen aber helfen, Ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen anzupassen oder besser mit ihnen umzugehen. Auch Sie werden in bestimmten Bereichen negativ wie positiv aus der Masse herausstechen.

    Ich wünsche einen wunderschönen Tag,

    Tom

  • Warum Denklich?

    In einem meiner immer wiederkehrenden Hochmutsanflüge habe ich mich entschieden, diesen Blog anzufangen. Ich, der zum Zeitpunkt des Artikelverfassens 28-jährige, ADHS-gestörte, sich zu viel mit Verhalten, Gedanken und Gefühlen interessierte Teilzeitvater, dessen Arbeitsverhältnis Ende des Monats gekündigt wurde, weil meine Arbeitszeit in den letzten drei Jahren mehr auf dem Papier existierte, als dass sie tragbare Ergebnisse erzielte, entschied mich endlich, meine Gedanken und Meinungsergüsse eine Plattform zur Verfügung zu stellen.

    Ich machte den klugen Fehler, meinen Freunden – die bis dahin und immer noch meine Meinung anhören und diskutieren dürfen – zu erzählen, dass ich diesen Blog anfange. Dadurch schaffte ich mir den Druck, das hier zumindest eine Weile aktiv durchzuziehen.

    Der Gedanke und mein Ziel hinter „Denklich“ sind, kleine Blogartikel und Podcastfolgen über die Themen zu verfassen, die mich brennend interessieren und beschäftigen. Vor allem interessiere ich mich für Psychologie, Soziologie, Philosophie, Theologie, Mikro- und Biologie.

    Eine kleine Vorwarnung sollte ich noch erwähnen:

    Da ich eher stark linksversifft bin und meine Gedankengänge oft nicht ganz der allgemein herrschenden Norm entsprechen oder widersprüchlich sein können, empfehle ich jedem, der meine Artikel liest, diese mit einer guten Portion Skepsis und Güte zu genießen.

    Außerdem möchte ich erwähnen, dass ich eine Rechtschreibschwäche habe und meine Artikel keine wissenschaftlichen Arbeiten darstellen. Falls ein Bedarf nach Quellen besteht, werden diese wohl oft nicht existieren.

    Ich wünsche jedem, der das hier liest, viel Freude und freue mich sehr über die Möglichkeit, die ich mir hier geschaffen habe.

    Tom